mollicutes

Es begann mit einem Gefühl, dass dann zur Hoffnung wuchs, die sich dann in einen ruhigen Gedanken wandelte, der dann zu einem leisen Wort wurde.

Veröffentlicht in Uncategorized von mollicutes am 29 September, 2008

Nordlichter

Veröffentlicht in Uncategorized von mollicutes am 25 September, 2008

Burning Pippin

Veröffentlicht in Uncategorized von mollicutes am 20 September, 2008

Für immer, bis morgen

Veröffentlicht in Uncategorized von mollicutes am 15 September, 2008

Die Zeit kurz nach Winterschnee. In der Phänologie: Erstfrühling! Forysithien läuten mit gelben Glocken. Schlehdorn tritt auf, Beeren im Gepäck. Deren gespannte Haut glimmt dunkel. Streuglasfarben zyklisch ins dichte Gras verteilt. Asphalt pflügt buntes Grün. Adern aus Teer. Jungvögel schlucken Wurmtiere. Aufgewärmter Strassenbelag. Es stinkt der Lenz. Im Gewebe meiner Haut wirken Konservierungsstoffe.

Am Strassenrand hält ein gelber Postbus. Unter dem Regendach glüht eine Sitzbank, das Metall, die Sonne. Die Trauergemeinde erhebt sich, stumm. Man klopft die Hände auf die Hosen, steigt ein. Genügsamer Abschied vom Bestatterhaus. Überkommene Tränen. Anrainend kalte Mauern. Mittleres Unternehmen Tod. Über dem Eingang ein Schild, etwas schief: Liber Timore. Euphemismus, hohler Humor.

Im Vorraum des Bestatterhauses. Meine Überreste. Aufgebahrt, steif daliegend. Munter geschminkte Backen, rote Haut. Heiter und kalt. Auf Kopfhöhe steht ein assortiertes Blumengebinde, im hellen Glas gebündelte Milchblüten. Stiele dorren, hängen von der Vase. Bräunliches Wasser sumpft.

Nichts spult vorm inneren Auge ab. Es fehlt der Abspann. Ausgiebig lebendig. Keine Abblende. Nichts aufgeschoben. Aussen tot. Klinisch wach. Mein Löffel klirrte zu Boden, schmutzig. Der Glanz ist verloren, ist es spät am Tag? Unter zu geklappten Lidern, mattgrau verfärbte Pupillen. Patina des Lebens.

An der Wand gerahmte Dankesbriefe. Letzte Worte von Gebliebenen. Auszüge lesen sich – Seltsam, nicht merkwürdig. Das Glas der Bilderrahmen ist mit Staub aufgeladen. Eine dünne Schicht Zeit, bedroht von einem Atemzug. Mag das jemand? Sich erinnern, wie er gestorben ist. Jeder redete mir ein, es beginnt doch erst. Jung, irgendwie auch nicht mehr so. Inzwischen ist es zu spät, bereits vorbei. Das Ende des Tunnels gerammt. Mit Hochgeschwindigkeit. Dann war kein Leuchten, nur tiefes, abwesendes Licht. Mein Haut atmet nicht.

Ein Bild spannt sich um meine Gedanken. Die wohlgeformte Erinnerung meines vergangenen Daseins. Weiche Graustufen. Schattenschwarze Ecken,  in der Mitte hellgraues Weiss. Eine Luftbefeuchtungsmaschine blies über das Parkett. Wasser verdampfte. In der Hocke, auf die Knie gestützt. Dampfluft einsaugen, Lunge netzen. Wasserperlen setzten sich auf die Nasenflügel, sachte und unspürbar. Hinter mir, auf ein Bett gefedert, faltete Hussein ein Buch. Als er mich fragte:
„Was bedeutet dein Name?“

Das Gerät gurgelte, der Dampfapparat war leer.

            „Morena?“

Als mein Kopf nicht ausging, sich nach dem Tod nicht ausschaltete, dachte ich:

            Vielleicht wache ich auf.

            Vielleicht holt mich jemand zurück.

            Vielleicht lebe ich noch.

Inzwischen habe ich es aufgegeben. Alles ist für immer vorbei, unspektakulär. Das Gewebe ist konserviert, die Haut tot.

Ich lag rücklings gestreckt, auf ebenjenem Parkett. Neben mir die röchelnde Maschine, frisch aufgefüllt, es klang wie ein Strohhalm am Boden eines Milchglases. An verteilten Stellen ausgedunkelt, waren die Wände majestätisch verziert. Anmutende Kerbungen, geschnitzte Muster. Ich schielte durch mein Auge, die Täfelung zerfloss. Im Haus waren die Decken tief. Es mangelte oft an Platz. Sonnenlicht traf auf Staubwirbel, aus einem unmöglichen Winkel, berührte es übrigen Wasserdampf, als dieser in Holzritzen verschwand.

            „Ich träumte von einem aufgehenden Scheinwerfer.“

Unsere Stimmen klangen nacheinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun.

            „Strahlte der Schein den Alpen entlang?“

Verschluckte Gedanken, ausgekramt, drängen sich ins Spiegelbild. Befall der Moderfäule. Marmorartige Streifen ziehen durchs Bild. Fäulnismuster durchwachsen alte Engadiner Schnitzereien. Auswuchs parasitärer Dürre. Schimmlig angefault, von den Leisten zur Decke. Feuchtigkeitsentzug, ausgetrocknet, beständig.

Das Schimmelbild brennt. Als wären alle Holzverstrebungen von einer, sich ausbreitenden Oberflächenstruktur befallen. Innen drin geschieht nichts. Jeder Angriff frisst sich in die Aussenhaut, prallt leise ab. Im Gewebe meiner Haut wirken Konservierungsstoffe. 

Mein unbewusster Gedankenkopf, ein hinein geschobenes Diapositiv, Farben und Grauwerte selbst bestimmend, stülpt sich über die geübte Wahrnehmung. Ein Zeltdach der Ahnung, aufgestellt unter der Glocke des Angedachten. Draussen die Wurmtiere. Vögel. Auf meiner Haut liegt Staub. In den Ecken des Bestattungsinstituts, auf der Flucht vor der fahlen Mitte, haften Spinnennetze.

Ich erinnere mich an ein Geräusch. Es knarrte. Sein Körper war vom Bett gefallen. Er hatte sich absichtlich fallen lassen, in die Decke eingewickelt. Der Wasserdampf reizte meine Lunge. Meine Haut war feucht. Es fehlte mir die Geduld, ich wollte nicht warten.

Und nun, zum Schluss, stehe ich undankbar in der ersten Reihe. Ich spüre was passiert, es kommt weder Himmel noch Hölle. Der Kopf ist stärker, als das Fleisch. Die trockene Haut, letzlich picht sie darauf im Feuer zu verblühen. Ich warte, dass der letzte Funken mein Bewusstsein weicht. Für einmal – Ohne Ungeduld.

Fantasien von anderen Versionen. Neu zu werden, wiedergeboren, in Afrika als Made, oder in China als Pandabär, vielleicht auch als Flamingo –
Oder doch als Mensch, man weiss ja nicht, wie sich das sonst anfühlt. Sowieso.

Schneiden sich Abschied und Willkommen, Tod und Geburt, zeitgleich, wie gelernt im Kino? Die neun Monate im Mutterbauch, die Hülle in Wartehaltung auf die Essenz.

Ist man erst mal tot, denkt man nur an das aufgebrauchte Leben. Im Sammelsurium Mensch, stapelte ich gerne, damals zu Lebtagen, viele Bekanntschaften, speicherte Verbindungen. Reihte meine Lieblingsmenschen prüfend in eine Linie. Dann richtete ich ihre Gesichter, entschied über Qualität. Wenige blieben in der Nähe. Selten eingetaucht, nie verloren.

Und es springt, da drin. Hier, mal da, überall. Das war lebend nicht anders. Indem ich mich nie festlegte, glaubte ich alles heraus zu fordern. Es gefiel mir weitsichtig zu scheinen, derweil einen realistischen Unterton zu wahren. Eine eigene Meinung immer vermisst. Es trieb mich nach Zugehörigkeit, obwohl ich meinen Platz kannte. Irgendwo in Europa.

Hie und dort überlegt freiwillig den Punkt zu setzen.  Tabletten zerstossen, umgerührt, im Plastikbecher vermischt. Nach dem bitteren Schluck, unter Druck ausgespült, in die Toilette. Nicht aus Lebenslust zögerte ich. Angst vor der Klinge. Unheimlich, gültig verbindlich tat es weh. Gründe vergessen sich, wahrhafte Trauer ist unerklärlich. Doch hätte ich mich selbst getötet, stünden diese Gedanken für die Reue.

Der gelackte Junge ist zurück. Eine lang gezogene Schürze, eng um den Bauch gebunden. Er trägt ein Namensschild, Olivier. Obwohl seine Kundschaft nicht lesen sollte, die Toten. Seine unreine Haut glänzt widerlich. Schutzplastik über seinen Finger. Arbeitshandschuhe. Als er mich waschen musste, glaubte ich das Zittern der Finger zu vernehmen. Ich dachte an Mitleid, es war irgendwie menschlich.

Er richtet mir das Haar, streichelt mit unangenehmer Vorsicht, berührt mein starrsteifes Gesicht, hält abrupt inne. Das Alter würde passen. Er an meiner Stelle, sofort. Er sieht nicht aus, als würde er wach sein, nicht unbedingt lebensfroh. Als das Türschloss klickt, empfinde ich Kälte. Olivier hätte sich wenigstens verabschieden können.

Vielleicht eine Erinnerung. Ähnlich damals, nachdem Hussein, vom Boden hoch, die Schritte zu mir verkürzt, mit ausgestrecktem Arm bei mir ankam. Sein Rücken deckte das Licht. Der Dampf stieg über seine Schultern. Seine Lippen waren staubtrocken. Die Distanz starb, wie meine Lichter.

Bevor er mich in das Seewasser stiess, lachte ich auf, ohne Ahnung warum. Stunden verstrichen mühsam, ein Tag entglitt, bevor er begonnen hatte. Nach dem eiskalten Bad, ich sass und zitterte, wie ein Kind, zurück auf dem Holzboden, meine Unterwäsche tropfte, es brutzelte erstmals ein Docht. Ich dachte es sei schön. Es fühlte sich an, als könnte ich den Himmel falten.

            „Ist Dir kalt,“ fragte Hussein.

Es trug mich weg vom Sonnenlicht, bis ein müder Schatten kam. Ich wollte Farben sehen. Mein Haut war verblasst, ich hätte mich bräunen sollen. Das Gewebe war Plastik, eher Gummi, schwammig und wasserweich. Verzeih mir, Spiegelbild. Gerne würde ich mich nochmals sehen. Mich mit einem bösen Blick ohrfeigen, blutig zwicken. Im kühlen Fiebertraum, Augen aufschlagen. Das geflüchtete Licht anscheuchen. Mit Nadelspitzen pieken. Als ich aus dem Wasser kam, fror es mich.

Ich liege da, unbrauchbar. Restliches Funkeln schwappt über, umhüllt was bleibt. Meine blonden Haare, meine gepuderte Stirn. Hände ineinander, gefaltet über meiner Brust. Als ich vor ein paar Tagen gestorben bin, war ich überrascht, erstaunt, nicht unmittelbar verschwunden, in einer bedeutungslosen Leere. Ich dachte immer, es gibt diesen Abgrund. Man stolpert unerwartet, verfangen im Sturz, fällt für immer, ewig, bevor überhaupt daran gedacht wird aufzuschlagen. Im Kremationsraum läuft der Ofen heiss. Bald in die eigene Asche. Schlusslicht zünden. Von der Erde eigeatmet. Um eine Glühfadenbirne kreisen überheblich ein, zwei Stechmücken. Draussen immer noch die Vögel.

Bundesland

Veröffentlicht in Uncategorized von mollicutes am 2 September, 2008

Einmal im Jahr wird dieses flache, staubige Land an die Verwaltung des Burning Man Festivals ausgeliehen. Tausende Menschen berühren mit ihren Körpern die Erde. Eine Wüste, der Tod, Wiedergeburt. Manche basteln Monsterautos. Kunstvehikel –

Katzen, Schiffe. Auf Rädern. Mit Djs. Zusammen bauen alle eine Fantasiestadt, die zwar Polizei, aber sonst kaum Grenzen kennt. Aus der Ferne mit zwinkernden Augen betrachtet wirken die Bauten, gerade mit ihren Lichtern, der Vorstellungskraft eines 5-jährigen Jungens auf MDMA entrückt, der mit riesigen Duplosteinen spielt. Wir entdecken die goldene Ente. Sie fährt. Sie spielt endlos Techno. Ihr Hals sieht aus, wie ein Mosaik aus Strasssteinen, gerade im Morgenlicht ein entzückendes Lichtspiel. Im Gittergerüst auf dem hinteren Teil der Ente hängt Vincent. Er trägt ein ausgewaschenes Militärjackett. Mit Offiziersaufnäher. Im Gesicht Kriegsbemalung. Er lächelt. Vincent stammt aus Paris, wohnt aber in New York. Auch er spricht den ewig gleichen Satz:

„Ihr seid tatsächlich aus der Schweiz in die Wüste gereist – nur für den Burning Man?“

„Natürlich.“ Wir traben weiter durch den Sand. Hinter ein paar Nackten stehen Damen im Pelz. Im Dom findet eine Orgie statt. Jeder ist freundlich und das liegt nicht an den vielen Drogen. Spät, nachdem bereits viel getanzt wurde, stehen wir in einem weiteren Zelt und hören ein Dialog:

„Frischer Eisfruchtsaft!“

„Darf ich auch ein Glas?“

„Mja, da sind aber viele Drogen drin. Ich glaube nicht, dass Du das aushältst.“ Der Mann, sein Gesicht und Haar ist grau vom Staub, lächelt unverwandt, beide seine Ohren sind ausgehöhlt, um jeweils quer einen Stahlring darin zu versenken, einer der Ringe muss im Laufe der Tage verloren gegangen sein. Er sieht das Mädchen mit dem Cocktail in der Hand an und sagt:

„Das ist schon in Ordnung.“

„Wenn Du meinst, viel Spass dann.“